Wenn man Eltern von einem Einzelkind ist, kommt man trotz aller Anti-Verwöhntaktiken um ein paar eigenwillige Divenallüren anscheinend nicht herum. Unsere kleine Murkeline hat auch ein paar davon, die sie tatkräftig, meist mit stundenlangem Schreien, versucht durchzusetzen. Einige sind aus Nachsicht auf Grund ihrer Neurodermitiserkrankung entstanden, andere, weil der kleine schlaue Kopf versucht eigene Grenzen zu finden.
Heute Morgen ging es z. B. zum tausendsten Mal (und das ist ungelogen, denn seit mehr als drei Jahren geht das so) um das Anziehen. Murkelinchen ist am liebsten nackt - wie wahrscheinlich jedes Kind. Da wir sie aber ungern auf dem Weg in den Kindergarten bloßstellen wollen, soll sie Sachen wie alle in dieser Gesellschaft tragen - gern auch die, die sie sich aussucht, und sei es das Kürbiskostüm. Mittlerweile kann sie sich auch sehr gut allein anziehen, was aber mit Mamis Hilfe viel leichter geht, denn dann muss man sich nur faul auf den Boden legen.
Heute Morgen also fand wieder eine alltägliche Entertainmenteinlage statt, bei der es darum ging, dass sie sich allein anziehen sollte. Alle Gegenargumente meinerseits halfen nicht und sie brüllte eine geschlagene halbe Stunde wie am Spieß mit dem Schlüpferchen in der Hand im Flur. Da wir nun schlussendlich geschniegelt an der Tür standen, entschloss sie sich dann heulend, sich doch anzuziehen, wobei das Geschreie aber nicht eingestellt wurde. Das Ganze ging bis in den Kindergarten, mit Showeinlagen auf der Strasse und im Auto, dass vorbeigehende Omis sich genötigt fühlten, zu fragen, warum man das Kind so quäle.
Die Zeit im Kindergarten war super, Wassergeplansche aller Art fanden statt, bis Mami und Papi nach der Arbeit zum Abholen kamen. Der Nachhauseweg ging noch mit leichtem Gemuffel vonstatten und als wir dann das Essen fertig hatten, frischen Thunfischsalat mit Ei, fragten wir, ob das Murkelchen nicht mitessen wollte. Murkelinchen hatte sich nun aber kurzzeitig überlegt, dass es unbedingt Ei auf Brot essen wollte, was aber nicht ging, da das gekochte Ei im Salat vermengt auf dem Tisch stand.
Geschreie!
Müdes Geschreie wie am Spieß! Mami ließ sich nicht erweichen.
Also ging ich nach dem Essen mit Murkelinchen ins Schlafzimmer, um mit ihr eine Pause einzulegen.
Geschreie weiterhin. Gähnen zwischendurch. Dann wieder Geschreie.
Letztendlich weinte sie über eine Stunde neben meinem Ohr, weil ich nicht mit ihr zurück in das Wohnzimmer gehen wollte, obwohl sie von mir nicht aufgehalten wurde. Die Grenze wollte ich jetzt ziehen und blieb partout ganz ruhig eine Stunde liegen und las ein Buch, während sie neben mir die Nachbarschaft zusammenschrie, weil Mami nicht das machte, was sie wollte, nämlich aufstehen.
Die Grenze ist nun gezogen. Die Mami hat diesmal nicht nachgegeben, sondern geduldig einen wichtigen Punkt gesetzt.
Murkeline ist erschöpft eingeschlafen.
Ich bin gern ein Freund für mein Kind, gern für alle Kuschelattaken zu haben und gebe auch mal nach. Ich bin aber immer noch die Erwachsene in der Beziehung, ihre Erzieherin und ihre Mami, die nicht immer springt, wenn eine Dreijährige das in ihrer Welt für richtig hält.
Und ich hätte jetzt gern einen kleinen Pokal für erfolgreiche Erziehungsarbeit ohne Gewalt und Schreien meinerseits.
Das musste jetzt raus!